
Das erste Mal im Kreißsaal
Wer hätte Gedacht, dass ich mich so früh schon im Kreißsaal befinden würde?
Keine Sorge. Das Kind ist noch etwas davon entfernt auf die Welt zu kommen aber dort spielt sich eben nicht nur die Geburt ab, sondern auch die generelle Betreuung schwangerer Frauen. Sprich. So wie ich. Was ich dort dennoch zu suchen hatte?
Wenn ihr meinen letzten Beitrag gelesen habt, dann wisst ihr bereits dass ich einen insulinpflichtigen Schwangerschaftsdiabetes habe. Mit dieser Diagnose wird der Frauenarzt im Abstand alle zwei Wochen ein CTG (Herztöne und Kindsbewegungen) sowie einen Ultraschall machen um unter anderem die Menge des Fruchtwassers zu beobachten und gegebenenfalls schnell reagieren zu können, wenn etwas nicht in Ordnung ist.
Ich hatte diese Kontrolle gestern und auch wenn es bei einem Gestationsdiabetes eher unwahrscheinlich ist, dass man zu wenig Fruchtwasser hat, so war sich meine Ärztin gestern nicht ganz so sicher. Die Werte seien grenzwertig, kommen ihr aber persönlich viel zu wenig vor. Schon vor dieser Aussage hat mich ihre Frage: ob ich denn gemerkt hätte, dass Fruchtwasser abgegangen sei, skeptisch werden lassen. Es lies sich auch nicht verhindern, dass die Alarmglocken ziemlich laut in meinem Hinterstübchen läuteten. Hinzu kam dann auch ganz schnell das Sorgenmonster, welches mir lächelnd von hinten auf die Schulter klopfte, als der berühmte Satz gesprochen wurde: „Machen Sie sich keine Sorgen. Aber zur Vorsicht sollte morgen die Geburtsklinik nochmal darüber kucken. Nur zu Vorsicht. Keine Angst.“
Keine Sorgen machen. Keine Angst.
Das funktionierte so gut wie: „Denke jetzt bloß nicht an einen rosafarbenen Elefanten.“ – Natürlich machte ich mir Sorgen. Auch wenn die Zeit sonst fliegt wie der Wind, kam mir dieses „bis morgen warten“ unendlich lange vor. Vor allem wenn einen das Sorgenmonster die ganze Nacht mit seinem fiesen Geflüster ins Ohr wach hält.
Ich finde, ich habe mich bis zu dem Termin ganz gut geschlagen. Ich bin nicht Amok gelaufen. Habe nichts kaputt gemacht und auch wenn ich kurz in der Versuchung stand, meinen Freundinnen eine Notfall – Message zu schreiben, habe ich mich erhobenen Hauptes auf den Weg gemacht. Schließlich ist es nur ein harmloser Ultraschall. Das sollte doch zu schaffen sein, ohne wie ein Häufchen Elend da zu stehen.
Dort angekommen musste ich feststellen, dass eine Person mehr, hier sowieso fehl am Platze gewesen wäre. Der Warteraum war belegt mit dickbäuchigen Frauen und ihren dazugehörigen Männern. Aus den verschiedenen Räumen war unter anderem das Stöhnen und Keuchen von (wahrscheinlich) gebärenden Frauen zu hören.
Die Hebammen huschten von A nach B und ich rechnete es ihnen hoch an dass sie dennoch für jeden ein Lächeln und gute Worte übrig hatten. Entschuldigend wurde ich gefragt ob es mir was ausmache, dass CTG im Warteraum angelegt zu bekommen, da gerade alles belegt sei.
Da ich persönlich kein Problem habe meinen Babybauch zu zeigen war das natürlich in Ordnung. Noch dazu war das kleine Sorgenmonster auf meiner Schulter sowieso zu laut um, als das ich an irgendwas anderes denken konnte. Das Scheusal verabschiedete sich allerdings ziemlich schnell mit seinen Sorgengeflüster. Neben mir saß offenbar eine Mutter in den Wehen. Zumindest hörten sich die Laute die sie von sich gab, so an. Mal ganz unter uns, wer hat schon gedacht dass diese Geburtsszenen die man sonst immer mal wieder im Fernsehen zu sehen bekommt, wirklich mit so viel Gekreische und Stöhnen von statten geht? Also ich nicht. Zumindest bis zu diesem Moment. Die Arme tat mir ehrlich leid. Alle paar Minuten verkrampfte sie sich in ihrem Stuhl und gab bedauernswerte (laute) Geräusche von sich, während der werdende Papa in dem Raum auf und ab hüpfte, seiner Partnerin die Hand hielt und hin und wieder ihren Rücken massierte.
Nachdem das CTG Gerät (dass zuerst keine Herztöne zeigte) wieder funktionierte und mein kleiner Frosch offenbar doch einen kräftigen Herzschlag vorweisen konnte, saß ich neben der Frau eine halbe Stunde verkabelt in dem eigentlichen Aufenthaltsraum für Väter und war sogar schon so weit, den Vater, der immer wieder die Frage: „War es jetzt schlimmer oder leichter?“ stellte, aus dem Raum zu schieben und der armen Frau mal ein paar Sekunden zum Verschnaufen zu geben. Die schien das besorgte Gesicht des Mannes sowieso nicht wirklich zu sehen. Sie sah wirklich jämmerlich aus und ich hätte fast solidarisch mit geweint wenn sie sich wieder vor Schmerzen aufbäumte, während der Vater immer wieder nach einer Hebamme Ausschau hielt. Offenbar waren die beiden schon seit 4 Stunden mit Wehen im Krankenhaus. Und ich übertreibe nicht, wenn ich das gesehene mit einer Geburt in einer Filmszene vergleiche.
Da ich viel zu abgelenkt war was neben mir passierte, hatte ich allerdings auch keine Zeit mir Sorgen zu machen und ich merkte schnell wie sich meine innere Ruhe breit machte, je mehr Hektik um mich herum ausbrach. Ich musste deswegen sogar kurz kichern was verständlicherweise nicht so gut bei meiner Nebenfrau und ihrem Partner ankam. Nach gefühlten 15 -20 „Wehenanfälle“ kam dann doch eine Hebamme, nur um der Frau mitzuteilen dass sie keinen Raum und keine Hebamme mehr frei haben, da heute wohl auch krankheitsbedingt zu wenig da sein konnten. Die Gute wurde also von einem Krankentransport in ein anderes KH geliefert wo es offenbar noch einen Platz UND eine Hebamme gab. Ehe ich mich dem nächsten Fall des vollen Wartezimmers widmen konnte wurde ich dann leider auch schon abgekabelt und von einer jungen Ärztin aufgerufen. Die gute führte mich in einen dunklen Raum, der nach dem Lärm dort draußen viel zu still war.
Die Ärztin nahm sich sehr viel Zeit beim Ultraschall und ausmessen und schaffte es mit ihrer witzigen Art, dass sich das Sorgenmonster auch weiterhin auf Abstand hielt und enttäuscht einen Schmollmund zog. Der Ultraschallbefund war zum Glück unauffällig und auch der sonst dicke Bauch scheint nicht mehr ganz so groß zu sein. Das Sorgenmonster löste sich mit einem lauten Plopp auf und mir fiel ein sehr schwerer Stein vom Herzen. Der Frosch hat genügend Fruchtwasser. Zumindest heute und ich hoffe doch sehr, dass das auch so bleiben wird.
Gut gelaunt spazierte ich also wieder (nach etwas längerem Suchen) aus dem Kreißsaal heraus und lies die leidenden Frauen hinter mir. Ein Erlebnis war dieser Besuch dennoch. Ich bin auch ganz froh, dass mein Mann nicht dabei war. Ich hätte als Mann wahrscheinlich allein von den Geräuschen hier die Flucht ergriffen und wäre ausgewandert.
An dieser Stelle möchte ich dennoch kurz großes Lob an die Hebammen aussprechen. Denn leider sind überbelegte Kreißsäle und zu wenig Hebammen keine Seltenheit. Was in letzter Zeit gehäuft dazu führt, dass einige Kliniken ihre Geburtsstationen vorübergehend schließen müssen, weil es keine Hebammen gibt, die die Frauen bei der Geburt begleiten.
Gute Besserung an die kranke Hebamme heute und ganz viel Durchhaltevermögen für die arbeitenden Hebammen. Mütter in Wehen sind wahrlich kein einfaches Volk. Ihr macht das super!